Gebündelte Power: So tanken wir die Energiewende auf

Lesezeit: 10 Minuten

Eine Ladestation, die mit einem Schlag Elektroautos „betankt“, Energie speichert, das Stromnetz stabilisiert und neue Erlösquellen eröffnet? Ja, das geht! Mit innovativen Konzepten wie dem sogenannten enox.powerhive will die Salzburg AG mit Unterstützung durch künstliche Intelligenz smart die Hürden bei der Transformation des Energiesystems meistern.

Inhaltsverzeichnis

Wir brauchen die Energiewende – das ist so weit allen klar. Dem Laien ist aber meist nicht bewusst, welche Herausforderungen das für Energieversorger wie die Salzburg AG mit sich bringt. Sie müssen das Stromnetz rund um die Uhr stabil halten, sprich: dafür sorgen, dass in jeder einzelnen Sekunde genau so viel Strom durch das Netz fließt, wie Konsument:innen gerade verbrauchen. Dazu muss man zum Beispiel möglichst gut vorhersagen können, wieviel Strom Erzeugungsanlagen zu welcher Zeit produzieren werden. Mit der erneuerbarer Energiequelle Wasser funktioniert das tadellos, Wasserkraftwerke lassen sich auch gut dem Strombedarf entsprechend steuern. Mit Sonne und Wind wird´s deutlich schwieriger – beide Energiequellen liefern bekanntlich nicht immer genau dann, wenn wir das gerne hätten, und auch nicht im gewünschten Ausmaß. 

Wie also das Stromnetz in der zwingend notwendigen Balance halten, wenn immer mehr dezentrale Erzeuger – vor allem mit PV-Anlagen – Strom in schwankender Menge zu schlecht kalkulierbaren Zeiten ins System einspeisen? Wie Versorgungsengpässe vermeiden und andererseits produzierte Stromüberschüsse sinnvoll nutzen?

Weltweit einzigartiger Lösungsansatz

Mit enox.powerhive liefert die Salzburg AG mit einem deutschen Partner, der ADS-TEC Energy, dazu jetzt einen smarten Lösungsansatz, der in dieser Form laut Innovationsmanager Jörg Hinterberger bisher weltweit einzigartig ist. Die Salzburg AG hat im Bundesland zwei Ladestationen für Elektroautos ans Netz gebracht, die einen integrierten Batteriespeicher haben. Das neuartige System verspricht eine Reihe von Vorteilen – für die Betreiber der Ladeinfrastruktur ebenso wie für E-Autobesitzer:innen und Stromnetzbetreiber:

  • E-Fahrzeuge können jederzeit superschnell (maximal 300 kW) geladen werden, dafür ist aber nur ein Bruchteil davon an Netzanschluss-Leistung nötig (maximal 87 kVA) – den Rest liefert bei Bedarf die Batterie. Das spart Netzkosten und ist für mehrere Einsatzbereiche denkbar, etwa beim Elektrifizieren des Fuhrparks in der Baubranche.
  • Wird gerade keine Ladeleistung benötigt, bleibt der verfügbare Batteriestrom nicht ungenutzt, sondern kann auf dem Regelreservemarkt verwertet werden. Die Salzburg AG setzt dafür ein virtuelles Kraftwerk (VPP – Virtual Power Plant) ein, das mithilfe von künstlicher Intelligenz gesteuert wird. Dieses Verwertungsmodell trägt zur Netz-Stabilisierung bei und macht den Betrieb von Ladepunkten außerdem wirtschaftlich noch interessanter, zum Beispiel für Unternehmen des Einzelhandels.
  • Die neuartigen Ladestationen eröffnen noch eine weitere Erlösquelle: An viel frequentierten Orten platziert, dienen sie gleichsam als Werbeplattform, auf der über Monitore Werbespots ausgespielt werden.

Wie funktioniert enox.powerhive genau? Was ist ein virtuelles Kraftwerk, was ist Regelenergie, welche Rolle spielt beides im Zusammenhang mit der Energietransformation? Antworten auf diese Fragen liefert Innovationsmanager Jörg Hinterberger von der Salzburg AG, der das zukunftsträchtige Projekt der enox.powerhive Ladestationen als Product Owner begleitet.

Mit Stromreserven das Netz stabil halten

lebenswelten: Was genau ist Regelreserve und wofür wird sie gebraucht?

Im Stromnetz müssen die Menge der erzeugten Energie und der Verbrauch aller Anlagen in jedem Moment gleich hoch sein. Eine der wichtigsten Kenngrößen, die uns zeigt, ob das System stabil läuft, ist die Netzfrequenz. Sie beschreibt, wie oft der Wechselstrom pro Sekunde seine Richtung ändert, und beträgt im europäischen Verbundnetz 50 Hertz. Wird mehr Energie erzeugt als verbraucht, steigt die Frequenz über 50 Hertz und sinkt im umkehrten Fall unter diesen Wert. Schwankt die Frequenz zu stark, würden Erzeugungsanlagen abschalten, ein Stromausfall wäre die Folge.

Der Übertragungsnetzbetreiber, das ist in Österreich die Austrian Power Grid AG (APG), wacht darüber, dass das Stromnetz stabil bleibt. Dazu nutzt sie den Regelreservemarkt. Dort wird die sogenannte Regelreserve – also Strom von kurzfristig verfügbaren Erzeugungsanlagen – gekauft oder verkauft. Dieser Strom wird je nach Bedarf eingespeist oder aus dem Netz entnommen, um Lastschwankungen auszugleichen und die Netzfrequenz stabil zu halten. Die Salzburg AG beteiligt sich an diesem Markt schon jahrelang, wir haben viel Know-how im Energiehandel aufgebaut.

lebenswelten: Welche Problematik ergibt sich durch die Energietransformation in Bezug auf die Stabilität des Stromnetzes?

Früher hat man in der Energiewirtschaft sehr zentral gedacht, die Überlegung war immer: Wir bauen ein Großkraftwerk, das wir gut regeln und mit dem tatsächlichen Energieverbrauch abstimmen können. Durch die Energiewende haben wir jetzt aber viele dezentrale Erzeugungsanlagen, die schwer prognostizierbar sind – der Strom von Sonne und Wind kommt eben nicht immer genau in der Menge und zu der Zeit wie gerade notwendig. Wenn die Erzeugung dezentraler ist und wir das Netz stabil halten wollen, müssen wir auch das System der Regelenergie dezentraler gestalten.

Unser Ansatz dazu war: Batterien werden auf dem Markt immer günstiger und sind inzwischen auch schon in Privathaushalten und mittelständischen Unternehmen in Größen im Einsatz, die es interessant machen, diese Speicherkapazitäten für den Regelreservemarkt zu nutzen. Batterien haben auch den großen Vorteil, dass sie bis zu einem gewissen Grad steuerbar sind.

lebenswelten: Inwiefern ist die Größe bzw. Speicherkapazität solcher Batterien maßgeblich?

Um am Handel im Regelreservemarkt teilnehmen zu können, müssen Anlagen mindestens 1 Megawatt, also 1.000 kW Leistung haben. Eine weitere Anforderung der APG ist: Die Anlage muss jederzeit garantiert liefern können.

Jörg Hinterberger Salzburg AG / Bosnjak
Innovationsmanager Jörg Hinterberger

Ungenutzten Batteriestrom verwerten

lebenswelten: In Österreich wird es kaum Betriebe oder gar Private geben, die über Batteriespeicher solcher Dimensionen verfügen …

Unsere Idee war, mehrere kleinere Batterien über das virtuelle Kraftwerk der Salzburg AG zu bündeln, um damit mindestens 1 Megawatt Leistung zu erreichen und ungenutzte Stromkapazität zur Netz-Stabilisierung zu vermarkten.

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Betrieb hat eine PV-Anlage mit einer Leistung von 300 kW peak und eine 600-kWh-Batterie. Wenn die PV-Anlage maximal liefert, ist die Batterie nach 2 Stunden voll und kann nicht weiter einspeichern, obwohl vielleicht noch längere Zeit genügend Sonneneinstrahlung vorhanden ist. Außerhalb der Geschäftszeiten, etwa nachts, bleibt die Batterie bzw. ihre Flexibilität dann großteils ungenutzt.

Mit unserem Konzept schränken wir den primären Nutzungszweck der Batterie – eben die Stromversorgung des Unternehmens – nicht ein, sondern geben dem Batteriebesitzer die Möglichkeit, ungenützte Stromüberschüsse über die Salzburg AG gegen entsprechende Vergütung zu verwerten.

Künstliche Intelligenz liefert treffsichere Prognosen

lebenswelten: Wie funktioniert das virtuelle Kraftwerk der Salzburg AG und welche Rolle spielt die Software enox.powerhive dabei?
Unser virtuelles Kraftwerk ist ein aggregiertes Netzwerk, das dezentrale Energieressourcen (Wasserkraftwerke, PV-Anlagen, E-Ladestationen mit Batterien usw.) bündelt und vor allem die Batterien mittels Software so optimiert, dass sie als koordinierte Einheit fungieren. Das virtuelle Kraftwerk ist unser Werkzeug, das aber eine intelligente Steuerung im Hintergrund braucht – das macht enox.powerhive. Wir müssen wissen bzw. prognostizieren können, wann ein Asset, wie eine Batterie, verfügbar ist bzw. wann noch weitere Stromquellen nötig sind, um die Mindestleistung von 1 Megawatt Leistung zu erreichen. Enox.powerhive kann mit künstlicher Intelligenz vorhersagen, zu welchen Zeiten wir mit der Verfügbarkeit von Batterien rechnen können. Genau nach diesen Prognosen können wir dann Angebote im Regelreservemarkt setzen.

lebenswelten: Als erster Anwendungsfall für enox.powerhive wurden E-Ladestationen gewählt. Warum?
E-Fahrzeuge brauchen immer schneller immer mehr Leistung. Gleichzeitig wird aber zum Beispiel eine 300-kW-Ladesäule selbst bei guter Auslastung nur in 10 bis 15 Prozent der möglichen Zeit genutzt. Der Betreiber muss trotzdem rund um die Uhr 300 kW Leistung bereitstellen und das Netz entsprechend darauf auslegen.

Daher fanden wir das Produkt von ADS-TEC Enery interessant: Diese batterie-gepufferte E-Ladestation kann jederzeit eine schnelle 300-kW-Ladeleistung bieten, man braucht dafür aber nur einen 22-kVA-Netzanschluss (maximal sind 87 kVA möglich), der restliche Bedarf kommt aus der Batterie. Wird die Batterie nicht fürs Laden gebraucht, kann sie in der Regelreserve vermarktet werden, wir können sie somit bis zu 95 Prozent der Zeit nutzen. Die Pilotanlage in der Bayerhamerstraße in Salzburg ist die erste in dieser Form, die wirklich in Regelenergie läuft und von der APG präqualifziert ist.
Bei Ladevorgängen kommt es dadurch aber zu keinen Einschränkungen für Benutzer:innen. Die Prognose-Modelle von enox.powerhive können anhand von Kundenverhalten mit relativ großer Sicherheit vorhersagen, wann die Ladestation genutzt wird.

lebenswelten: Wie kam die Partnerschaft mit der Firma ADS-TEC Energy aus Baden-Württemberg zustande?
Wir haben uns in einem anderen Projekt mit der Frage beschäftigt, wie man mit Batteriespeichern die teilweise hohen Lastspitzen bei Discountern kappen könnte, die neben anderen energieintensiven Anlagen auch Ladesäulen betreiben. Dabei stießen wir auf ADS-TEC Energy als Hersteller, der auch Batterien für dieses sogenannte Peak-Shaving anbietet. 2023 hat ADS-TEC Energy uns die Entwicklung einer Ladestation vorgestellt, die kompakt alles bietet – also 300 kW Ladekapazität plus Batterie und Werbemöglichkeit über Displays. Das war schon deshalb interessant, weil eine klassische Ladestation nur dann Erträge bringt, wenn tatsächlich E-Fahrzeuge aufgeladen werden. Es stellte sich heraus, dass die Ladelösung von ADS-TEC Energy auch einspeisefähig ist und sich somit für den Regelreservemarkt eignen würde. Da die Salzburg AG schon länger ein virtuelles Kraftwerk betreibt, entstand die Idee, das zu kombinieren.

enox.powerhive Salzburg AG / Bosnjak
enox.powerhive in Betrieb

Pionierarbeit hat sich ausgezahlt

lebenswelten: Vom Konzept bis zur Umsetzung dieser ersten Ladestation mit enox.powerhive ist fast ein Jahr vergangen. Was hat so lang gedauert?

Bei der APG werden Projekte auf Herz und Nieren geprüft, bevor sie für den Regelreservemarkt zugelassen werden. Für diese sogenannte Präqualifizierung mussten wir viele Nachweise erbringen, von Wechselrichtern mit Österreich-Konfiguration bis zu sicherer Daten-Kommunikation. Das innovative Konzept einer Ladestation, die Stromüberschüsse ins Netz einspeist, war auch für die APG in dieser Form neu, deshalb hat das Verfahren letztlich ein Jahr gedauert. Aber jetzt ist es geschafft: Unsere enox.powerhive Ladestation ist die erste All-in-one-batterie-gepufferte Schnell-Ladestation von ADS-TEC Energy weltweit, die in einem Regelreservemarkt präqualifiziert worden und nun seit September 2025 aktiv ist.
Es hat sich ausgezahlt, dass wir so viel Engagement in die Präqualifizierung gesteckt haben: Wir können dieses Konzept jetzt in ganz Österreich umsetzen, ohne weitere Nachweise erbringen zu müssen, auch gemeinsam mit anderen externen Partnern.

lebenswelten: Was sind die drei größten Pluspunkte der Ladelösung mit enox.powerhive?

Ein großer Vorteil ist sicherlich, dass wir zusätzliche Erlösquellen für dezentrale Batteriebesitzer auf dem Regelreservemarkt erschließen, ohne den primären Nutzungszweck der Batterie einzuschränken. Für das Bereitstellen hoher Ladeleistung ist oft der Bau zusätzlicher Trafostationen erforderlich. Mit der neuen Lösung können wir dagegen den schnelleren Ausbau der E-Mobilität nun mit geringeren Kosten für die Allgemeinheit forcieren. Der dritte Mehrwert: Beim netzdienlichen Betrieb von Ladestationen – wenn sie also als Regelreserve dienen – sind die Netzgebühren deutlich geringer.

lebenswelten: Welche nächsten Schritte sind betreffend enox.powerhive geplant?

Geplant ist der Bau weiterer Ladestationen, zum Beispiel auch in Gebieten mit geringerer Ladefrequenz, in denen nicht die volle Netzkapazität verfügbar ist. Damit können wir Kund:innen auch dort die volle 300-kW-Ladeleistung anbieten und E-Mobilität insgesamt attraktiver machen. Ladestationen waren unser erster Use Case, wir denken aber auch stark in Richtung Peak-Shaving im Gewerbe. Interessante Anwendungsmöglichkeiten gäbe es zum Beispiel in der Bauwirtschaft, wenn etwa Bagger oder Radlader elektrifiziert werden, die Ladeleistungen über 150 kW benötigen. Es wird die Installation von Batterien vor Ort überlegt, um schneller laden zu können, ohne dass sich Baustellen dadurch verzögern. Hier sind wir schon in Gesprächen mit Erstausrüstern.

Die eigene Belegschaft treibt Innovation voran

lebenswelten: Wie geht die Salzburg AG das Thema Innovation generell an? Werden neue Ideen immer gemeinsam mit vielversprechenden Startups entwickelt?

Das hat sich oft nicht als passende Vorgangsweise erwiesen. Jetzt machen wir es so: Wir haben strategische Felder definiert, in denen die Salzburg AG Innovation braucht. Kolleg:innen, die an einem dieser Themen arbeiten möchten, überlegen zunächst, ob sie das intern lösen können oder dazu noch einen externen Partner brauchen. Das ist der effizientere Weg. Heuer haben wir zu unseren Innovationssuchfeldern verschiedene Challenges formuliert, zu denen sich alle Mitarbeitenden bewerben konnten. Die Lösungen wurden von den Teams dann beim Kick-off im Detail ausgearbeitet. Sehr erfreulich ist, dass alle vier vorgestellten Projekte angenommen wurden und nun weiterverfolgt werden. Das ist auch eine große Wertschätzung für die beteiligten Mitarbeiter:innen und bestätigt das große Know-how innerhalb der Salzburg AG-Gruppe.

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