„Eine Revision ist wie ein Puzzle“

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Beim Wasserkraftwerk St. Johann im Pongau fand in den Wintermonaten eine besonders große Revision statt: Generator, Laufrad und Co. zerlegten erfahrene Techniker in ihre Einzelteile. Stück für Stück setzten sie das Puzzle wieder zusammen und brachten alle Bauteile auf den neuesten Stand der Technik. lebenswelten begleitete die beeindruckende Arbeit.

Eine perfekte Zusammenarbeit und eine präzise Planung sowie viel Know-how: Ohne diese „Zutaten“ ließe sich die Revision eines Wasserkraftwerkes nicht durchführen – wie das Beispiel St. Johann im Pongau zeigt. Erfahrene Techniker der Salzburg AG haben dort in den vergangenen Monaten viele Bauteile komplett zerlegt, überprüft, erneuert und wieder eingebaut. Dabei gab es viele Entscheidungen zu treffen: Welche Arbeiten sind wann durchzuführen? Welche Mitarbeiter:innen können diese erledigen? Was benötigen sie dafür? Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? Schließlich war die Dauer der Revision kurz bemessen und sie fand bewusst im Winter statt: Sobald der Schnee in den Bergen schmolz, musste die Anlage wieder laufen, um Energieverluste zu vermeiden. „Eine Revision ist wie ein großes Puzzle. Jeder trägt ein Stück dazu bei, dass am Ende ein schönes Bild herauskommt“, erklärt Partieführer Ferdinand Huber.

Wechsel und Revision einer Turbine im Wasserkraftwerk St. Johann der Salzburg AG, Österreich. © Georg Kukuvec/Salzburg AG
Bei Aus- und Einhub des Laufrads ist Präzision zentral.

Ein Laufrad mit 1.000 Einzelteilen

Ein großer Teil dieses Puzzles war das Laufrad. Es wurde nach rund 30 Jahren Betrieb erstmals aus den Tiefen des Kraftwerks gehoben und in rund 1.000 Einzelteile zerlegt. Durch die Hände von Ferdinand Huber und seinen Kollegen sind fast alle gegangen. „Wir haben das Laufrad bis auf die letzte Schraube zerlegt, alle Verschleißteile erneuert und dann wieder zusammengebaut.“ Mit simplen Werkzeugen, wie man sie zu Hause hat, ging das allerdings nicht. „Alleine das Entfernen der Schrauben ist ein hochkomplexes Verfahren, das nur wenige Techniker beherrschen“, erklärt der Partieführer, der stets auch den aktuellen Stand der Technik im Hinterkopf hat: „Es ändert sich über die Jahre hinweg einiges. Wir überprüfen deshalb, ob sich gewisse Komponenten noch bewähren oder zu erneuern sind.“

Das fundierte Wissen, über das die Techniker verfügen, zeigte sich in vielen Detailarbeiten – wie der Sanierung der Blätter des Laufrades. Über die Jahre nutzt sich selbst der härteste Stahl durch das Geschiebe des Flusses mit Sand und kleinen Steinen ab. Die Folge sind Effizienzverluste. Das Rad befindet sich in einem runden Mantel. Der Abstand zu der Wand sollte möglichst gering sein. „Je kleiner, desto besser ist der Wirkungsgrad, weil sonst das Wasser vorbeizieht. Wir haben daher mit einem speziellen Schweißverfahren 75 Kilogramm Stahl auf die Blätter des Laufrades aufgetragen“, bestätigt Ferdinand Huber. Der Aufwand dafür war enorm und umfasste mehrere Monate. Anschließend wurde die Arbeit gründlich gecheckt: „Wir haben geprüft, ob es Risse im Material der Laufradschaufeln gab. Eventuelle Fehler zu entlarven, ist essenziell für den sicheren Betrieb der Anlage.“ Dafür gibt es verschiedene Messverfahren, die alle für Laien kompliziert klingen und eines zeigen: Das Team verfügt über eine enorme Erfahrung, die es für die Instandhaltung von Kraftwerken auch braucht.

Alle Jahrzehnte wieder

Daher verwundert es nicht, dass neue Mitarbeiter:innen Jahre brauchen, um die grundlegenden Techniken zu beherrschen. „Bei uns kann es sein, dass man bestimmte Arbeitsschritte alle zwölf Jahre einmal macht“, hält Ferdinand Huber fest. Sein Wissen habe er sich über die Jahre selbst sowie von seinen Vorgängern angeeignet und gibt dieses nun wiederum an jüngere Kolleg:innen im Team weiter. Ständige Weiterbildung ist das Um und Auf in diesem Job. Bis das nächste Laufrad derart überholt wird, dauert es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. „Wir bauen etwas mit Geschichte und Herzblut“, hält auch Werksleiter Manfred Findenig fest, der mit dem Team der Betriebsführung wesentlich bei der Revision eingebunden war.

Ferdinand Huber und Manfred Findenig beim Wechsel und Revision einer Turbine im Wasserkraftwerk St. Johann, Pongau, Österreich © Georg Kukuvec/Salzburg AG
Partieführer Ferdinand Huber und Werksleiter Manfred Findenig haben bei der Revision alles im Griff.

Belastungs-EKG fürs Kraftwerk

Er und seine Kollegen kümmern sich seither wieder um den sicheren Betrieb des Wasserkraftwerkes. Denn Mitte April wurde das Laufrad an die Turbinenwelle angekoppelt und eingebaut. Vor der Betriebsübernahme fand noch ein Stresstest statt, wo unter anderem auf die Schließtechnik genau geachtet wurde: Im Falle einer Störung muss sich die Anlage automatisch abstellen. Der 80 Tonnen schwere Generator und das zwölf Tonnen schwere Laufrad müssen sich nämlich sofort stoppen lassen. Bei der ersten Inbetriebnahme wurden sie daher über Gebühr beansprucht und geplant zum Stillstand gebracht – also einer Art Belastungs-EKG unterzogen. Dabei zeigte sich, ob die Arbeiten der vergangenen Monate erfolgreich gewesen sind. „Das ist wie bei einem Herzchirurgen nach einer Operation: Auch wir hoffen, dass alles klappt, wenn wir eine Maschine wieder zum Leben erwecken“, ist Ferdinand Huber jedes Mal aufs Neue gespannt. Auf den Schultern der Techniker liegt viel Verantwortung. Fehler würden sich rächen und einen großen wirtschaftlichen Aufwand zur Folge haben. Denn Laufrad, Generator und Co. lassen sich nicht so einfach wieder ausbauen. Das größte Kompliment für alle sei deshalb, wenn die Anlage störungsfrei weitere 30 Jahre bis zur nächsten großen Revision läuft: „Das ist die Visitenkarte unserer Arbeit“, so Ferdinand Huber.

#wirarbeitendran

Zukunft & Sicherheit

„Wasser heißt Leben. Weil der Strom nicht aus der Steckdose kommt, sondern seinen Anfang im Wasserkraftwerk nimmt, ist es wichtig, die Ressourcen der Natur optimal zu nutzen. Wir arbeiten daran, dass der Betrieb reibungslos und effizient abläuft. Das ist oft keine leichte Arbeit, weil wir – zum Beispiel bei einem Hochwasser – unter Zeitdruck die richtigen Entscheidungen treffen müssen.“

Manfred Findenig, Werksleiter St. Johann

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