Grüner Strom von der Wiese – „Die Hühner haben Spaß!“

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Die größte nachhaltige Agri-PV-Anlage des Bundeslands Salzburg verbindet scheinbare Gegensätze zur harmonischen Einheit: In einem Legehennenbetrieb in Lamprechtshausen gehen Landwirtschaft und Sonnenstrom-Erzeugung eine sinnstiftende Symbiose ein – zum gegenseitigen Vorteil, zugunsten der Energiewende und mit der Salzburg AG als starkem Partner.

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Der Himmel über dem Flachgau ist wolkenlos, die Luft mild und klar bei angenehmen 25 Grad – ein Spätsommertag wie aus dem Bilderbuch. Nichts hält die Legehennen von Klaus und Barbara Fersterer heute im Stall, und doch sind sie in dem riesigen Freigehege auf den ersten Blick kaum zu entdecken. Denn das emsige Scharren und Picken findet im Halbdunkel statt, unter schräg aufgeständerten PV-Modulen. Dazwischen ist jede Menge Platz und saftiges Grün, aber kaum eins der insgesamt 7.000 Tiere mag dafür seinen kühlen Schattenplatz verlassen. „Die Hühner mögen keine pralle Sonne, die sind ja gescheiter als die meisten Menschen“, schmunzelt Landwirt Fersterer.

Agri-PV Wiesenstrom in Lamprechtshausen ©Salzburg AG
Die Hühner genießen den Schattenwurf der PV-Module. ©Salzburg AG

Kein wertvolles Ackerland verloren

Im Frühsommer ging auf seinem Hof in Lamprechtshausen die bis dato größte Agri-PV-Freilandanlage des Salzburger Lands ans Netz. „Wir sehen das als Chance, die Bewirtschaftung des Hofs komplett neu und weiter zu denken“, sagt Bäuerin Barbara Fersterer. Weil „Rinderhaltung leider nicht ertragreich ist“, stellte das Ehepaar den Betrieb 2018 auf Legehennen um und suchte nach einem ergänzenden Konzept, um den Lebensunterhalt der Familie mit vier Kindern langfristig zu sichern. Stromerzeugung mittels Photovoltaik erschien dafür ideal: Die öffentliche Hand unterstützt die Doppelnutzung landwirtschaftlicher Flächen mittels Agri-PV-Technologie inzwischen mit ansprechenden Förderungen und bei Fersterers geht dadurch auch kein wertvolles Ackerland verloren: „Früher ging das Gras vom Hühnerauslauf in die Biogasanlage, wir haben die Fläche sozusagen schon immer für Energiegewinnung genutzt“, erzählt der Landwirt, „jetzt machen wir das eben direkter.“

Rückhalt der Politik beschleunigt Ausbau

Agri-PV ist auch für Energieerzeuger eine äußerst interessante Option, da es die ehrgeizigen Ziele des Salzburger „Masterplans Klima + Energie 2030“ möglichst rasch umzusetzen gilt. Bei den Energiequellen Wind und Wasserkraft stehen der schnellen Umstellung auf Erneuerbare bei der Stromproduktion aber oft bürokratische Hürden im Weg, schon die Genehmigungsverfahren können Jahre dauern. Im Gegensatz dazu „können PV-Anlagen relativ schnell errichtet werden. Im Bundesland Salzburg hat der Gesetzgeber durch einfachere Verfahren für Freiflächen-Photovoltaik ermöglicht, den der Ausbau beschleunigt zu realisieren“, freut sich Projektleiter Stefan Aglassinger von der Salzburg AG über den Rückhalt der Politik für Agri-PV, die auch von der EU als Schlüsseltechnologie der Energiewende einstuft wird. 5,4 GWh Strom werden auf dem Fersterer-Hof in Zukunft per anno erzeugt – damit können jedes Jahr über 1.500 Haushalte klimafreundlich mit Energie versorgt und ca. 1.150 Tonnen CO2 eingespart werden.

Willkommene Einkommensquelle für Landwirte

Für dieses vom „Europacenter erneuerbare Energien“ (ECEE) aus Eugendorf entwickelte Vorhaben wurde eigens die Wiesenstrom GmbH mit vier Stakeholdern gegründet. Als starke Partnerin kümmert sich die mit 40 % beteiligte Salzburg AG um die Vermarktung des erzeugten Stroms, Landwirt Fersterer hat sich als Miteigentümer nicht nur ein Mitspracherecht gesichert, sondern auch eine willkommene Einnahmequelle: „Er hat einen zusätzlichen Ertrag, verliert dadurch aber kaum Fläche, die er – mit wenigen Einschränkungen– weiterhin landwirtschaftlich nutzen kann“, erläutert Stefan Aglassinger. Die für Agri-PV verwendeten Modul-Systeme würden stets „je nach beabsichtigter Nutzung mit dem Landwirt abgestimmt.“

 

Sinn und Nutzen des Partnerprojekts bringt Wiesenstrom-Geschäftsführer Bernhard Weilharter so auf den Punkt: „Mit dieser Anlage zeigen wir, dass bei sorgfältiger Planung und geeigneter Konstruktion eine landwirtschaftliche Nutzung und maximale Energiegewinnung bestens zusammenpassen. Es kommt zu keiner Bodenverdichtung oder Versiegelung von wertvollem Grünland.“ Die Agri-PV-Anlage in Lamprechtshausen ist außerdem so konzipiert, dass nach der vorläufigen Projektlaufzeit von 30 Jahren ein rückstandsfreier Rückbau möglich und der langfristige Nutzen für die Landwirtschaft gesichert ist.

Perfekte Symbiose mit vierbeinigen Rasenmähern

Als System für den Fersterer-Hof wurden schräg aufgeständerte Modul-Tische gewählt, die auf Dreivierteln des sechs Hektar großen Hühnerauslaufs mit großzügigem Platz dazwischen angeordnet sind. Damit der Landwirt den regelmäßigen Grasschnitt auch zwischen den Pfosten erledigen kann, wurde eigens ein Mähgerät mit Seitenausleger angeschafft, wie es sonst im Weinbau verwendet wird. Natürlich nimmt das Mähen nun mehr Zeit in Anspruch, aber der Hofbesitzer hat dabei auch vierbeinige Unterstützung: Mit einer Schafherde will Gattin Barbara eine kleine Zucht aufbauen und damit „ein Herzensprojekt“ realisieren.

Schafe als „Rasenmäher“ sind übrigens auch am Salzburgring schon erfolgreich im Einsatz, wo auf einem abschüssigen Gelände neben der Rennstrecke eine Agri-PV-Anlage in Zusammenarbeit mit der Salzburg AG errichtet wurde. Mit dieser perfekten Symbiose aus landwirtschaftlich genutzter Fläche und erneuerbarer Energieerzeugung unterstreicht der Salzburgring seine Neuausrichtung auf emissionsfreie Events.

Agri-PV Anlage am Salzburgring ©Salzburg AG
Am Salzburgring leben Schafe in Symbiose mit der Agri-PV Anlage. ©Salzburg AG

Schutz und Schatten: PV kommt tierisch gut an

In Lamprechtshausen finden die Solarmodule laut Hofbesitzer Fersterer schon in den ersten Betriebswochen tierisch guten Anklang: „Die Hühner haben Spaß!“ Das war nicht immer so: Fluglärm und angriffslustige Raubvögel ließen das ängstliche Federvieh draußen nicht zur Ruhe kommen, bei „Gefahr von oben“ flüchteten nicht selten „100 Hennen unter einen einzigen Baum“, erinnert sich der Landwirt. Dass die Tiere den großen Auslauf oft nur spärlich nutzten, dürfte nicht zuletzt an der intensiven Sonneneinstrahlung gelegen haben. Heute stürmen die Hennen auf der Suche nach Schutz und Schatten gleich nach dem Öffnen der Stalltür regelrecht unter die Module und „verteilen sich über das gesamte Gelände“, wie auch Stefan Aglassinger bei einem Lokalaugenschein kürzlich beobachten konnte. Als Voraussetzung für die weitere Auszeichnung mit dem AMA-Gütesiegel sei vor dem Agri-PV-Start auch behördlich geprüft worden, dass mit dem Tierwohl auf dem Fersterer-Hof alles zum Besten steht.

Positive Effekte auf Pflanzenbewuchs erwartet

Studien deuten darauf hin, dass der Schattenwurf der PV-Module auch positive Effekte beim Pflanzenbewuchs bringt. Dafür sorgt nicht nur der Schutz vor den Folgen extremer Wetterereignisse, wie Hagelschäden nach starken Unwettern, die aufgrund des Klimawandels in Zukunft häufiger zu erwarten sind. Unter den Modulen bildet sich auch eine Art Mikroklima, das die Bodentemperatur senkt und bei zunehmender Trockenheit die Verdunstung reduziert. Das könnte gerade für sogenannte C3-Pflanzen wie Weizen oder Gras, die zum Gedeihen nur Licht, aber keine direkte Sonneneinstrahlung benötigen, durchaus von Vorteil sein, so Projektleiter Aglassinger. Klar ist, dass sich in den Bereichen unter den Modulen die Pflanzenvielfalt ändern wird.

Gezielt Artenvielfalt fördern

Mit durchdachter Bepflanzung, die Bodenerosion verhindert und Rückzugsbereiche für Kleinlebewesen schafft, könnten Agri-PV-Anlagen sogar die Artenvielfalt fördern und zwischen den Solarmodulen neue Lebensräume entstehen. Beim bereits genehmigten Projekt der Salzburg AG in der Gemeinde Göming beispielsweise sollen laut Stefan Aglassinger „Blühstreifen und Büsche mit regionalen Pflanzen gesetzt werden, in denen sich Kleintiere verstecken können.“ Das Bepflanzungskonzept wird eng mit Naturschutz-Experten abgestimmt.

Welche Auswirkungen diese nachhaltige Energielösung im ländlichen Raum tatsächlich betreffend Biodiversität hat, sollen Untersuchungen renommierter Forschungsinstitute zeigen. So wurde etwa das Agri-PV-Projekt der Salzburg AG in Eugendorf wissenschaftlich begleitet, Praxisergebnisse werden allerdings erst nach einem längeren Beobachtungszeitraum vorliegen.

Agri-PV Wiesenstrom in Lamprechtshausen ©Salzburg AG
Die Agri-PV Wiesenstrom in Lamprechtshausen verbindet Energieerzeugung und tierisches Glück. ©Salzburg AG

Breite Akzeptanz in der Bevölkerung

Im Vergleich zu klassischen Freiflächenanlagen findet das innovative Konzept Agri-PV, das keine wertvollen Grünflächen versiegelt und eine Doppelnutzung des Bodens ermöglicht, auch in der Bevölkerung wesentlich mehr Akzeptanz – besonders wenn sie sich so harmonisch ins Landschaftsbild einfügt wie am Fersterer-Hof. Rundum zwischen Wald eingebettet, „verschwinden“ die Solarmodule nahezu in einer Landsenke. In der abgelegenen Ortschaft Außerfürt – also im „hintersten Winkel der Gemeinde“ (Fersterer) – fühlt sich auch kein direkter Nachbar durch die Optik gestört.

„Ganz verstecken“ wollte man die Anlage laut Barbara Fersterer aber auch nicht – ein Teil der Modultische ist daher direkt an der Straße platziert, die unmittelbar am Hof vorbeiführt. „Wir brauchen heute erneuerbare Energie“, sagt die aufgeschlossene Bäuerin. „Die Menschheit muss umdenken, das sollte auch für alle klar sichtbar sein!“

Vertiefte Einblicke in das Agri-PV Projekt am Salzburgring erhältst du im folgenden Video:

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