Alexander Huber: Vom Gipfelstürmer fürs Arbeitsleben lernen

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Unter Bergsteiger:innen gelten die „Huberbuam“ als eine Art lebende Legende: Mit unzähligen Rekorden im Speed- und Freiklettern wurde das bayerische Brüderpaar weltberühmt. Was können wir fürs Business von Extremsportler:innen lernen, wenns um Führung, Vertrauen und Teamerfolg geht? Das erklärt Alexander Huber in seinen Vorträgen, zuletzt Ende 2025 bei der Salzburg AG.

Inhaltsverzeichnis

Die Leidenschaft fürs Bergsteigen hat der Vater bei den „Huberbuam“ geweckt, als er mit den damals halbwüchsigen Burschen die ersten Gipfel im heimatlichen Berchtesgadener Land eroberte. So richtig in die Kletterszene eingestiegen sind die Brüder Thomas und Alexander Huber zu einer Zeit, als Medien schon den Abgesang auf den Extrem-Alpinismus angestimmt hatten: Reinhold Messner hatte als erster Mensch ohne Flaschensauerstoff den höchsten Gipfel der Welt, den Mount Everest, bezwungen und bis Mitte der 1980er-Jahre sämtliche Achttausender bestiegen – wie sollte das in einem Sport, der von der Rekordjagd lebt, noch zu toppen sein?

Mit Speed-Rekord zu Weltruhm

Diese Herausforderung nahmen die Huberbuam in beeindruckender Weise an. Sie machten ihr Hobby zum Beruf – Alexander gab eine Karriere als Diplom-Physiker auf – und verschoben beim Kraxeln mit höchsten Schwierigkeitsgraden die scheinbaren Grenzen des Machbaren. Von Patagonien bis in die Antarktis machen die Brüder u. a. mit atemberaubenden Erstbegehungen im Free-Solo (Freiklettern ohne Seilsicherung) auf den spektakulärsten Kletterrouten rund um den Globus von sich reden. Weltberühmt wurden die Huberbuam 2007 durch den Dokumentarfilm „Am Limit“, der sie bei ihrem Rekordversuch im Speed-Climbing an der legendären „Nose“ begleitet – einer tausend Meter langen, steil aufragenden Felswand im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien. 

Abenteuerliche Reise mit vielen Höhen und Tiefen

Auch bei dieser sagenhaften Challenge vermitteln die Huberbuam, dass ihre außergewöhnliche Karriere nicht nur eine der glanzvollen Erfolge ist; sie erzählt auch von Scheitern, herben Rückschlägen, eisernem Durchhalten und einem Sich-immer-wieder-Aufrappeln. Alexander Huber hat nicht nur seine Angstkrise in einem Buch verarbeitet, sondern 2024 auch seine Tumorerkrankung öffentlich gemacht. Der gutartige Gehirntumor konnte zwar entfernt werden und drei Monate nach der OP war Alex schon wieder in der Kletterwand – dennoch hat ihn diese Schockdiagnose nachhaltig geprägt.

In seinen mitreißenden Vorträgen nimmt der heute 56-Jährige das Publikum mit auf eine abenteuerliche Reise durch die Höhen und Tiefen im Leben wie am Berg. Seine beeindruckenden Erfahrungen im Extrem-Alpinismus lassen sich durchaus auf die Arbeitswelt übertragen. Anlässlich seines Auftritts bei der Salzburg AG wollte die „lebenswelten“-Redaktion von Alexander Huber wissen, welche Rolle Vertrauen für den Teamerfolg spielt und was sich Führungskräfte von den Erkenntnissen eines der weltbesten Extremkletterer mitnehmen können.

lebenswelten: Wie in Unternehmen ist auch beim Bergsteigen oft Teamwork gefragt. Wie gelingt der Gipfelsturm am ehestens – sind alle gleichberechtigt oder muss einer buchstäblich die Marschrichtung vorgeben?

Alexander Huber: Es mag schon sein, dass in der Seilschaft der mit der meisten Erfahrung zuerst einmal seine Meinung in den Ring wirft. Aber es ist ganz wichtig, dass auch die anderen – vor allem ihre Sorgen – gehört werden. Wenn einer ein schlechtes Gefühl bei dem Projekt hat, darf man das auch als Führungskraft in einem Unternehmen nicht ignorieren. Dann muss man es durch Überzeugungsarbeit schaffen, alle von der Sache zu begeistern, nur dann kann das funktionieren.

Alexander Huber in Berchtesgaden © Klaus Fengler
Alexander Huber, Berchtesgadner Land © Klaus Fengler

Je größer das Vertrauen, desto stärker das Team

lebenswelten: Welche Rolle spielt dabei Vertrauen im Team?

Alexander Huber: Gegenseitiges Vertrauen macht natürlich die Stärke einer Seilschaft aus. Die Mitglieder sind durch ein Seil verbunden, damit man sich gegenseitig Sicherheit geben kann. Das funktioniert aber nur, wenn ich berechtigt darauf vertrauen kann, dass der andere das nötige Wissen und Können mitbringt. Sonst kann das Seil auch zu einer Scheinsicherheit werden – wenn Leute keinen Plan haben, wie sie ein Seil effizient und sicher verwenden. Blind zu vertrauen ist nicht gut. Man kann nur dann optimal zusammenarbeiten, wenn man die Stärken und Schwächen der anderen genau kennt, dann lassen sich innerhalb des Teams zum Beispiel auch einzelne Schwächen gut ausgleichen.

lebenswelten: Wie baue ich als Führungskraft Vertrauen in meinem Team auf?

Alexander Huber: Zunächst einmal: Wann kann ein Team in dich Vertrauen haben? Wenn du Kompetenz, Wissen und entsprechende Weitsicht mitbringst. Was meines Erachtens eine weitere Führungsqualität und auch sonst im Leben wichtig ist: Dass man dem anderen zuhört, ihn wertschätzt und in die Meinungsbildung einbindet. Dann wird er auch neue Sichtweisen und Ideen einbringen. In unserer Gesellschaft erfüllt ja jeder bestimmte Rollen, es kann nicht jeder alles oder gleich gut können wie der andere. In einem Unternehmen kann auch nicht jeder der CEO sein. Jeder sollte ganz natürlich seine Rolle in einer Mannschaft finden.

lebenswelten: Gab es in deiner Karriere einen Schlüsselmoment, in dem Vertrauen bzw. Führung für dich extrem wichtig waren?

Alexander Huber: Prägend war für mich, als Bub mit meinem Vater in den Westalpen unterwegs zu sein. Wir sind in der Nacht losmarschiert, es war dunkel, kalt. Man hat ja einen inneren Drang, den Gipfel zu erreichen – trotzdem hätte ich damals daran gezweifelt, dass es machbar ist, hätte mir in diesem Moment nicht mein Vater als Mentor das Vertrauen gegeben. Und dann ist es natürlich wunderschön, wenn das Vorhaben gelingt.

lebenswelten: Im Zwischenmenschlichen funktioniert nicht immer alles wie gewünscht, manchmal kommt es auch zu Vertrauensbrüchen. Wie geht man als Führungskraft am besten damit um?

Alexander Huber: Man sollte das Gespräch suchen, um den Grund herauszufinden; einfach miteinander reden und schauen, ob sich das lösen lässt. Vielleicht braucht es auch nur eine neue Aufgabenverteilung: Oft kann man Reibungsverluste vermeiden, indem man eine andere Zusammenstellung im Team wählt. Wenn wir auf einer Expedition zu viert oder sechst unterwegs sind, arbeiten wir ja gern in Seilschaften. Diese Zweier-Konstellationen ergeben sich meistens wie von selbst – die, die gut miteinander harmonieren, finden auf natürliche Weise zusammen.

lebenswelten: Du hast 2024 eine schwere Tumorerkrankung überwunden. Wie übersteht man solche Krisensituationen, die auch das Vertrauen erschüttern?

Alexander Huber: Natürlich ist in so einem Fall das Vertrauen nachhaltig gestört, das kann man auch nicht so schnell aus der Welt schaffen. Da musst du einfach ganz langsam wieder zurück ans Ufer schwimmen, sprich: Nicht gleich wieder mit Vollgas lossprinten, sondern sich selbst kleine, machbare Aufgaben stellen.

Am Boden bleiben und nicht übertreiben

lebenswelten: Übertragen auf die Arbeits- und Businesswelt: Welche Qualitäten machen Unternehmen in Krisenzeiten resilient?

Alexander Huber: Eine dieser Qualitäten ist: Wenn es gut läuft, nie zu glauben, dass es immer so bleiben wird. Wenn Unternehmen schnell wachsen, birgt das auch immer eine Gefahr. Es gibt ja den schönen Spruch: Nichts ist so beständig wie der Wandel. Man sollte sich immer so aufstellen, dass man auch damit zurechtkommen kann. Wichtig ist, bei Erfolg nicht abzuheben. Lieber „gesund“ wachsen, nicht übertreiben, auf dem Boden bleiben.

lebenswelten: Das sagt ausgerechnet ein Extremkletterer, der immer noch höher hinaus und am schnellsten zum Gipfel wollte?

Alexander Huber: Mit meinem Können als Bergsteiger hätte ich noch viel mehr abheben können, aber das wäre mit Risiken verbunden gewesen, die nur schwer zu handeln sind. Die Leute wollen immer die Erfolge sehen. Was man nicht sieht, sind all die Sachen, die nicht funktioniert haben. Bei meinen Vorträgen binde ich immer ein, zwei solche Aktionen ein. Auch mein aktueller Vortrag „Zeit zum Atmen“ endet mit einem Misserfolg – trotzdem sind die Leute begeistert. Ich erzähle ihnen von einem schönen Bergerlebnis, bei dem der Gipfel am Ende gar nicht so wichtig war. Es liegt in der Natur der Sache: Wenn ich versuche, an Grenzen zu gehen, wird manches in diesem Grenzbereich nicht umsetzbar sein.

Alexander Huber am Untersberg © Fabian Buhl
Alexander Huber am Untersberg © Fabian Buhl

Jeder soll das einbringen, was er wirklich gut kann

lebenswelten: Mit 28 sagtest du in einem Interview, dein Zenit als Bergsteiger sei bereits überschritten. Demnächst wirst du 57, bist aber immer noch in den Bergen unterwegs. Woher beziehst du dein großes Selbstvertrauen?

Alexander Huber: Die Kraft lässt nach, das habe ich mit 28 definitiv schon festgestellt. Aber Selbstvertrauen kann man trotzdem weiterhin haben. Vertrauen darin, dass ich das, was ich mir vornehme, auch schaffe. Nur nehme ich mir heute nicht das Gleiche vor wie vor 20 Jahren. Ich vergleiche das mit einer Fußball-Mannschaft: Du brauchst nicht elf Stürmer, sondern einen, und daneben noch einen guten Torwart, eine gute Verteidigung usw. Wenn ich heute mit einem Team unterwegs bin, frage ich mich: Was kann ich einbringen, worin bin ich wirklich gut? Ich habe nicht mehr die schiere Muskelkraft, aber ich habe sehr viel Erfahrung und technisches Wissen. Mir ist völlig egal, ob am Berg ein 25-Jähriger vorangeht, der nicht so viel Erfahrung hat – denn die habe ja ich. Am Ende geht es nicht darum, wer das Projekt geleitet oder wer den schweren Rucksack hinaufgetragen hat. Es geht darum, dass wir es miteinander nach oben geschafft haben.

lebenswelten: In Unternehmensteams ist es ähnlich …

Alexander Huber: Richtig! Du brauchst die Leute mit 55, die aus ihrer Erfahrung genau wissen, wie es funktioniert, ein Produkt zur Marktreife zu bringen. Und du brauchst die Jungen, die mit ihrer Power dann viele Stunden durcharbeiten, um das Projekt hochzuziehen. Wenn man es schafft, die Brücke zwischen den Generationen zu schlagen, hat man immer gewonnen. Das gilt beim Bergsteigen und sonst auch.

Streiten ist ein Qualitätsmerkmal

lebenswelten: Wenn Jung und Alt zusammenkommen, prallen oft Welten aufeinander. Wie hält man (oft unvermeidliche) Reibereien im Zaum?
Alexander Huber: Reibereien sind ja kein schlechtes Qualitätsmerkmal. Wenn jemand über meinen Bruder und mich sagt: „Was, ihr streitet? “Dann antworte ich: „Das ist ein Qualitätsmerkmal!“ Denken wir an eine Ehe: Wenn man da nicht mehr die Motivation hat, miteinander zu streiten, schaut´s nicht mehr gut aus – dann gehen sich die Leute schon ziemlich aus dem Weg. Wenn man sich aber nahesteht, wird man sich sehr wohl mit dem anderen und seiner Meinung auseinandersetzen. Genau diese Diskussionskultur ist so wichtig und dass man sich dabei Respekt entgegenbringt.

lebenswelten: Unternehmen haben aktuell einige Herausforderungen zu meistern, vom technologischen Fortschritt bis zu geopolitischen Rahmenbedingungen. Wie wichtig ist Vertrauen in diesem Kontext?
Alexander Huber: Die Aufgaben werden immer komplexer und zunehmend mit künstlicher Intelligenz gelöst. Ich finde es trotzdem extrem wichtig, nicht zu vergessen, dass es noch die mentale, soziale Dimension gibt, die uns Menschen zu Menschen macht. Vertrauen ist eines der wichtigsten Dinge, die man sich unter sozialen Wesen geben kann. Wir können künstliche Intelligenz einsetzen, aber gewisse Dinge werden immer unter der Regie von uns Menschen bleiben.

lebenswelten: Welche Kompetenzen brauchen Führungskräfte, um mit Herausforderungen der Zukunft fertig zu werden?
Alexander Huber: Eine gute Führungskraft zu sein, bedeutet für mich, dass diese Person gut zuhören und mit den Leuten in ihrem Team gut umgehen kann. Wenn es einem gelingt, jede Persönlichkeit zu respektieren, kann man sicher das Beste aus einem Team herausholen. Gerade auch bei Unstimmigkeiten sollte man immer das Gespräch suchen. Nicht vor versammelter Mannschaft, denn das kann Stress erzeugen; einfach mal in lockerer Atmosphäre, bei einem Kaffee, versuchen herauszuhören, welche Sorgen und Nöte es gibt. Es wird immer so sein, dass auch einmal etwas nicht so funktioniert, wie man sich das vorgenommen hat. Aber wenn man den Willen hat, nicht aufzugeben und dranzubleiben, wird sich immer eine Lösung finden.

„Der Bauer bin ich!“

lebenswelten: Wie sieht es bei dir im Privaten mit den Themen Vertrauen und Führung aus: Du hast mit deiner Frau drei Kinder, gemeinsam führt ihr einen Bergbauernhof. Wer hat zuhause – auf gut Bayerisch gesagt – „die Hosn an“?
Alexander Huber: Logischerweise arbeiten wir in der Landwirtschaft zusammen. Aber die Arbeit mit den schweren, landwirtschaftlichen Maschinen erledige ich genauso wie auch alle anderen größeren Arbeiten am Hof. So gesehen bin schon ich der Bauer auf unserem Hof. Aber jeder hat hier seine Aufgaben. Und meine Frau Nina und ich sind ein Team, das sich gut ergänzt, auch bei den Kindern. Insgesamt hat meine Frau da den Überblick, das ist auch gut so. Denn wenn zwei meinen, den Überblick haben zu müssen, dann hat ihn keiner.

Zur Person

Alexander Huber (geb. 1968) ist einer der bekanntesten deutschen Extrembergsteiger und Teil des legendären „Huberbuam“-Duos. Als Diplom-Physiker und staatlich geprüfter Bergführer prägte er das Sport- und Bigwall-Klettern weltweit, mit spektakulären Erstbegehungen am El Capitan und in den Alpen. Neben seinen Rekorden ist er Bestsellerautor, Vortragsredner und lebt mit seiner Familie im Berchtesgadener Land.

 

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